Düsseldorf. Sein Vater Gerhard hatte schon immer dafür plädiert, das Familienunternehmen operativ von einem bezahlten Manager führen zu lassen - um der fränkischen Modekette Wöhrl die kollidierenden Gesellschafterinteressen zu ersparen. Doch der Versuch des Seniors ist gescheitert: Olivier Wöhrl, 31 Jahre alt, jüngster Sohn des Eigentümers und Enkel des Firmengründers Rudolf Wöhrl, übernimmt ab heute offiziell den Vorstandsvorsitz in Nürnberg.
Der Maschinenbauingenieur löst damit Marcus Kossendey ab. Der frühere Generalbevollmächtigte des Modehändlers Peek & Cloppenburg (P&C) war erst vor knapp zwei Jahren vom damaligen Vorstandschef Gerhard Wöhrl eingestellt worden. Fremdmanager Kossendey, der bei P&C bereits Erfahrung mit den Eigenheiten von Familienunternehmen gesammelt hatte, sollte den Konzern fit für die Zukunft machen. "Die Vorstellung, an der Spitze des Modehauses zu stehen, hat mich sehr gereizt", sagte der 45-Jährige noch vor knapp einem Jahr dem Handelsblatt. Doch sein Engagement war nicht von Erfolg gekrönt.
Vorsitzender des Aufsichtsrats und damit Interessenvertreter der Familie war zu der Zeit bereits Olivier Wöhrl. Schon seit 2007 stand er dem Gremium vor, seit einem Jahr leitet er es hauptamtlich. Dafür gab er seinen Posten als Vertriebsingenieur beim Automobilzulieferer Mahle ab: "Ich bin mit Wöhrl groß geworden, mein Vater hat sehr viel mit mir übers Geschäft geredet, jetzt will ich es führen", sagt er. Und für mehr Konsens im Unternehmen sorgen - denn Kossendeys eigenwilliger Führungsstil gefiel in der Vergangenheit nicht jedem.
Oliviers Großvater Rudolf gründete die fränkische Modekette Wöhrl mit dem rot-blauen Knopf als Markenzeichen im Jahr 1933. Was mit einer einzigen Verkaufsfläche von 150 Quadratmetern und einem Jahresumsatz von weniger als 100 000 Reichsmark begann, ist heute ein Traditionsunternehmen mit knapp 40 Standorten vor allem in Süd- und Ostdeutschland. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/2011 machte Wöhrl einen Bruttoumsatz von rund 346 Millionen Euro.
Die zwei Söhne des Firmengründers, Gerhard und Hans Rudolf, waren bis Anfang 2011 beide Gesellschafter des Familienunternehmens. Im März verkaufte Hans Rudolf Wöhrl, der seit 1974 neun Fluglinien gegründet oder saniert hat, seine restlichen 30 Prozent an den Bruder.
Die Zukunft des Familienunternehmens liegt nun in den Händen von Olivier, dessen zwei ältere Schwestern als Designerin und Fotografin eigene Karrieren vorantreiben. Er muss dafür sorgen, dass Wöhrl zwischen Konkurrenten wie P&C, Kaufhof oder Hennes & Mauritz seinen Platz verteidigt. Als eine regionale Modekette, die vor allem in Kleinstädten und Stadtrandlagen ihre Kunden hat.
02.01.2012 | Handelsblatt
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