WÖHRL

Gut aufgehoben

Familienunternehmen gelten bei Nachwuchskräften oft als zweite Wahl - ein Karrieretag soll das ändern

Nürnberg - Marcus Kossendey, der Vorstandsvorsitzende von Wöhrl, ist nicht über einen "Karrieretag Familienunternehmen" in die Modebranche gekommen, sowas gab es zu seiner Zeit noch gar nicht. Damals reichte ein Praktikum. Der 45-Jährige aber ist äußerst gut geeignet, jungen Bewerbern die Vorzüge von Familienunternehmen nahezubringen. Denn Kossendey war stets in solchen Firmen beschäftigt, und es dürfte nicht viele Vorstandsvorsitzende geben, die so plastisch und so unverblümt deren Chancen und Risiken referieren können. Die Chancen? Ein Familienunternehmer habe ihm mal ein Flugticket in die Hand gedrückt und ihn gebeten, im Ausland "einen Laden aufzumachen" - drei Tage vor Abflug. Und die Nachteile? Dazu später.

600 Bewerber sind am Freitag am Hauptsitz des Nürnberger Bekleidungsunternehmens Wöhrl erschienen. Sie trafen dort nicht nur auf Kossendey, sie trafen auch auf Vertreter 35 weiterer Familienunternehmen, die sich seit sechs Jahreneinmal im Jahr zusammentun, um nach NachwuchskräftenAusschau zu halten. Keiner könne es Absolventen verdenken, wenn sie sich nach dem Studium darum bemühten, bei einem großen Konzern unterzukommen, sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. Die großen Namen - Allianz, Siemens, Daimler - machten sich einfach gut im Lebenslauf, den Familienunternehmen dagegen hafte oft der Makel an, nicht sexy genug zu sein. Vielen gelten sie als zweite Wahl. Beim "Karrieretag Familienunternehmen" soll sich diese Sicht der Dinge ändern.

Eva Schuster, 25, hat kürzlich ihren Bachelor in Betriebswirtschaft gemacht. Für sie ist der Tag eine gute, wenn auch stressige Gelegenheit, Firmen kennenzulernen, "deren Namen man oft gar nicht so genau kennt" - die aber in ihrer Branche zum Teil zu den Weltmarktführern gehören, wie der Münchner Messtechnik-Spezialist Rohde & Schwarz oder auch Wika, der Druckmesstechnik-Hersteller aus Klingenberg am Main. Fünf Gespräche mit fünf verschiedenen Firmen hat sie an diesem Tag vereinbart, den ersten Termin hat sie gerade absolviert, er glich eher einem Speed Dating als einem klassischen Bewerbungsgespräch. Sieben Minuten lang hat man sich ausgetauscht, bei gegenseitigem Interesse kann man sich später einmal länger zusammensetzen. "Spannend", sagt Eva Schuster.

"Wir haben Probleme, gute Leute zu finden", sagt Robert Rösch, Personalvorstand bei Wöhrl, deswegen müsse man neue Wege gehen, um zu zeigen, "dass man in Familienunternehmen gut aufgehoben ist". Sein Chef, Marcus Kossendey, fühlte sich stets gut aufgehoben auf den diversen Stationen seiner Karriere. Man müsse freilich akzeptieren, dass es in Familienunternehmen "Traditionen, Gesetze und Marotten" gebe. Ein Unternehmer, den Kossendey darauf aufmerksam machte, dass die Bürotür an dessen Schreibtisch anstoße, beschied ihm einmal: Das habe diese Tür schon beim Vater und Großvater getan.

02.07.2011 | Süddeutsche Zeitung

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